Elisabeth SONNECK
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Text zur Arbeit
Mich hat seit jeher Farbe interessiert, ihre Identität und Wandelbarkeit. Vorerst vermag jede Farbe ein spezifisches Klang- und Emotionsfeld hervorzurufen. Dieses wird aber sogleich durch umliegende Farben modifiziert, aufgelöst und in neue Zusammenhänge gefügt. Damit ergeben sich vielschichtige Wechselwirkungen, deren Erforschung und Inszenierung in der Malerei mein Anliegen ist. - Nach einer in meist 3 Bildern konzipierten Farbzusammenstellung folge ich verschiedenen Möglichkeiten, die Situation zu konkretisieren. In den einzelnen Bildern entstehen individuelle Geflechte farbiger Beziehungen, die über dieselben zugrundeliegenden, gleichwohl später teilweise auch völlig konträr dazu übermalten Farben noch mehr oder weniger offensichtlich in Zusammenhang stehen. Der serielle Aspekt bezieht sich auf die Vervielfältigung der Ausgangssituation und wird sodann durchlässig für experimentelle Entwicklungen. Der Farbcharakter kann hell und luftig, tief, neblig, warm, schrill, samtig, gebrochen, frisch... sein: Dabei arbeite ich nicht auf eine geklärte Einheit hin, sondern beobachte die wachsende Dichte, Verflechtung und Wechselwirkung der farbigen Ereignisse. Die langsam und orthogonal geführten, breiten Pinselzüge geben Ruhe und Verzögerung gegenüber den unmittelbar agierenden Potentialen der Farbe. Die Form wird nirgends, etwa durch Abkleben oder in Skizzen, vorab definiert. So wurde mir zunehmend wichtig, die „Biographie“ eines Bildes, seine Entwicklungen und Umbrüche, sichtbar zu erhalten. Daher die transparenten und oft leicht versetzten Überlagerungen, die an den Feldrändern die vorhergehenden Farben offen lassen. Auch die vielfältigen Spuren manuellen Vorgehens - das Nachlassen der Farbe im Verlauf des Pinselzuges, die farbintensiveren „Stoppstellen“ des Pinsels, Leichtigkeit oder Druck der Pinselführung, dadurch das partielle Anlösen und Aufmischen der unteren Farblagen – beziehe ich nicht als persönliche Äußerung, sondern als Instrument der Farberzeugung ein. Die Farbe gewinnt prozessualen Charakter, sie wird materielles Produkt und zugleich Initiatorin ineinandergreifender Vorgänge und Entscheidungen. Im vielfachen Schichten differierender Farben ergibt sich eine polychrome Vibration der Flächen, deren Wahrnehmung sich je nach Entfernung ändert. (...) Dabei kann Farbe, frei von gegenständlicher Anwendung, durch eine die Erinnerung ansprechende Ausdrucksfähigkeit Inhalte figurieren; diese provoziert die Farbe durch Rhythmen und Tempi, Klang und Emotion.
Elisabeth Sonneck, aus: „Windschatten. Wandmalerei und neue Bilder“, Berlin 02/2006
